Big Eye / Big Boss - Testbericht

Der "Big Eye" ist weitgehend baugleich aber nicht identisch mit folgenden Instrumenten:Seben BigBoss 150/1400, TS Megastar 150/1400, Galaxster 6X150F1400 EQ, Optrons 150-1400 EQ

Nach grüner Farb mein Herz begehrt....
Nach Tchibo, Lidl und Aldi rollt eine neue Marke den Einsteigermarkt für Amateurteleskope auf: Seben. Nachfolgend wird das Newton-Teleskop "Big-Eye" vorgestellt. Es ist zum Preis von 189€ bis 289€ in nahezu gleicher Ausstattung bei verschiedenen Anbietern zu haben. Als Auktionsgut kann man es mit etwas Glück schon deutlich darunter erwerben. Dass diese Teleskope jedoch zweite oder dritte Wahl bzw. Wiederverkäufe von Retouren sind, kann nicht ausgeschlossen werden. Das Testgerät wurde vom ETT-Versand , der zudem volles Rückgaberecht einräumt, zu einem weit unter dem Üblichen liegenden Preis erworben. Das Teleskop wurde vier Tage nach der Bestellung angeliefert. Es ist aufwändig in einem Karton verpackt, das Gegengewicht ist zusätzlich in einem Styropor-Block gesichert. Es waren keinerlei Beschädigungen feststellbar. Der respekteinfößende Name hat sicher nur für jene Angehörigen der Spechtelzunft eine Wirkung, die bisher zu den 76/700 Tchibonauten oder Lidoskopiker gehörten. Der Grün-Metallic-Lack des Tubus erinnert an ebensolche Farbtöne japanischer Automobilmarken der späten 80er Jahre. Alle übrigen Teile sind in pastellgrünem Hammerschlaglack gehalten.

Liebe auf den ersten Blick!  
Das"Big Eye" besticht und überrascht durch sein ästhetisches, fast perfektes Erscheinungsbild. Ein Insider baut das Teleskop auch ohne Anleitung innerhalb von 15 Minuten komplett auf. Anfänger ohne Englischkenntnisse werden wohl etwas Mühe mit den Fachbegriffen der einzelnen Komponenten haben, die da sind:

- kompletter Tubus mit Optik 150/750mm, 36mm Fangspiegel an drei festen Streben
- erstaunlich aufwändiger 31.7mm Okularauszug mit Metalltubus
- parallaktische Montierung mit Aluschneckenrädern und Kunststoffgleitlagern in beiden Achsen und drehbaren mitlaufenden verschiebbaren Teilkreisen (somit nach Nemec nutzbar, aber das kennt die Betriebsanleitung jedoch nicht.)
- zentrale Achsklemmen per Druckschraube, verschiebbares Gegengewicht mit Stange
- standfestes Dreibeinstativ mit Okularablage und Hartgummifüßen
- zentraler Klappmechanismus für die Stativbeine (keine Flügelmuttern)
- 6,5mm und 25mm Plössl -Okular, Mond-, Sonnenfilter, zweifach Barlowlinse
- Staubschutzdeckel mit exzentrischer 5cm -Öffnung für Sonnenbeobachtung
- 8mal 30 Fadenkreuzsucher Sucher
- Mondkarte und "Starmap" (=Planetenposter)


"Spannender" Tubus

abknickende Gegengewichtsstange

Ernüchterung beim zweiten Blick
Nimmt man das Teleskop intensiver unter die Lupe, fallen dem Fachmann doch etliche bauartbedingte Mängel auf, die offenbar Folge des angestrebten gnadenlos niedrigen Preisniveaus sind:

- Der Tubusdurchmesser ist 2mm kleiner als die vorderen und hinteren Abschlussringe. So ziehen die Befestigungsschrauben denselben zu einem Sechseck nach außen.
- Statt einer Klemmschiene (wie beim Lidl-Refraktor) werden die Rohrschellen über zwei Metallschrauben befestigt. Das schränkt die Verwendbarkeit der Montierung für andere Zwecke stark ein. Der Tubus muss also immer aus den Rohrschellen entnommen werden.
- Dem Sucher hat man zwar einen unvergüteten Objektivachromaten spendiert, doch ist das Fadenkreuzokular optisch sehr bescheiden (Farbsäume, sehr kleines Gesichtsfeld).
- Das Gegengewicht und die Länge der Stange reichen nicht aus, das Gewicht des Tubus auszubalancieren. Es fehlen ca. 200g. Außerdem verbiegt sich die Stange am Gewindeansatz deutlich!
- Der Hauptspiegel wird vollflächig auf einen Schaumgummi und ein Kunstlederstück gepresst , die Halteklemmen sind zu fest angezogen. Der Spiegel wird so verspannt, thermisch isoliert und kann hinten schlecht auskühlen. Im Vergleich zu einem anderen 150mm Newton scheint die Reflektivität der Spiegeloberflächen deutlich unter 84 % zu liegen, möglicherweise unter 75%..
- Der Okularauszug ragt bei kurzbrennweitigen Okularen bis zu 3cm in den Tubus hinein und ist innen nicht schwarz mattiert. (Kontrastminderung, Reflektionen)
- Die drei Fangspiegelstreben sind mit 3mm sehr dick und dazu noch glänzend lackiert. (Kontrastminderung, Reflektionen)
- der Fangspiegel ist für die Tubuslänge zu klein und erfüllt nicht einmal das 75% -Kriterium für die Ausleuchtung des Bildfeldes. (Lichtverlust)
- Die Optik ist nicht (nicht einmal annähernd) justiert (unscharfes Bild).
- Die zweifach Barlowlinse für die Brennweitenverdoppelung war nicht auffindbar.
- Das Spiel der Montierung muss erst eingestellt werden.
- Die Montierung ist mit dem "Big Boss" an der Grenze der Tragfähigkeit und schwingt mitunter deutlich.
- Die Hauptspiegel-Justage mittels 3 Schrauben/Konterschrauben-Paare ist umständlich und zeitaufwändig.
- Das Stativ wäre noch stabiler, wenn statt der kleinen Kunststoffplatte für die Okulare ein Metallring über die weiter draußen liegenden bereits vorhandenen Löcher verschraubt würde.
- Die Okularaufnahmeplatte enthält auch 50% Löcher für 1"-Okulare, von denen aber keine mitgeliefert werden. Die Löcher sind also weitgehend nutzlos.
- Der giftgrüne Mondfilter hat eine Planität von bestenfalls 100 Lambda und strotzt nur so von Schlieren. Wahrscheinlich soll mit ihm der Mond passend zur mitgelieferten Mondkarte eingefärbt werden. Dort ist unser Trabant - warum auch immer -ebenfalls in lebhaften Grüntönen abgedruckt.


Hauptspiegel mit entfernter Abdeckung und ohne Konterschrauben.

Selbstbau-Sucher Objektiv und Okular aus China-Fernglas, das Zenitprisma ist in das um 90 Grad abgeknickte Rohr des Umkehrsatzes eingebaut .
Gut sichtbar ist die geschwärzte Fangspiegelspinne.


Ein dünner Alu-Streifen reduziert das Spiel des Okularauszugs beträchtlich.

Tuning
Will man aus dem BigEye ein zufriedenstellendes Teleskop machen, kommt man nicht umhin -wie auch bei vielen anderen Marken aus dem Billigpreissegment- etwas Zeit und Ideen und auch den einen oder anderen Euro zu investieren.

1. Spiegelunterlage aus Schaumstoff und Lederabdeckung entfernen und Spiegel auf drei Korkpads oder ähnlich geeigneten Unterlagen legen. Diese sitzen nun zwar zu weit außen, da der Spiegel aber relativ leicht ist, scheint das keine negativen Auswirkungen auf die Form und die Abbildung zu haben. Konterschrauben entfernen und stattdessen mit nur drei Schrauben gegen den Druck dreier Spiralfedern oder Hartschaumstoffunterlagen justieren.

2. Teleskop mit zusätzlichem Gewicht korrekt ausblancieren, sonst wird das Schneckenrad der Stundenachse auf Dauer beschädigt.

3. Sucher durch einen mind. 10x50-Sucher ersetzen. (z.B. umgebautes Billig-Fernglas)

4. Spiel der Schnecken in beiden Achsen feinjustieren.

5. Okularauszugsinnenrohr um wenigstens 2 cm kürzen, damit er nicht mehr in den Strahlengang ragt, Spiel des Tubus durch Einlegen eines dünnen Alustreifens reduzieren.
Auszug innen schwarz mattieren.

6. Instrument z. B. mit einem Cheshire-Okular oder einem Justierlaser korrekt justieren. Das ist bei 1:5 Systemen schon die halbe Miete. Beim vorliegenden Gerät waren die drei Fangspiegeljustierschrauben zu kurz, um die Spiegel mittig unter den Okularstutzen zu bringen.

7. Schwierig wird es, die 100%ige Ausleuchtung des Gesichtsfeld zu erreichen. Da der Tubus zu kurz ausgelegt ist, gelangen die Randstrahlen des Hauptspiegels nicht zur Abbildung. Man müsste also
a) entweder einen größeren Fangspiegel einsetzen oder
b) den Hauptspiegel so weit zurückverlagern, dass die von Ihm reflektierten Strahlen alle auf den Fangspiegel treffen. Allerdings sollte dabei beachtet werden, dass dann noch die Brennebene der Okulare erreicht wird.

Der zu kleine Fangspiegel reduziert also die Öffnung des Hauptspiegels. Möglicherweise verhindert dies Bildfehler, die durch die Randpartieen des Hauptspiegels entstehen würden, wenn dieser nicht parabolisiert wäre, d.h. diese optische (Fehl-)Konstruktion erfolgt durchaus nicht unabsichtlich. Sie macht aus dem Big-Eye jedoch bestenfalls einen 130/750 - Spiegel, womit der oben angesprochene Lichtverlust erklärt wäre (siehe Kasten unten).

8. Die 1"-Löcher der Okualraufnahmeplatte auf 1 1/4" aufweiten, damit zusätzliche Okulare verstaut werden können.

9. Der Verlust der 2fach Barlow- Linse kann klaglos verschmerzt werden, da diese kaum brauchbare Bilder bei höheren Vergrößerungen liefern kann. Dafür bleibt es dann ein akzeptables Rich-Field-Teleskop. Die Schärfe eines 76/700 Bresser oder Tchibo-Newton allerdings scheint für das "Big Eye" unerreichbar. Zumindest verliert er einen subjektiven Test am zunehmenden Mond klar.

10.Einen angepassten Aluring statt des Okulartellers mit der Stativspinne verschrauben. Das bringt verbesserte Standfestigkeit.

11. Mondfilter wegwerfen oder in das brauchbare Einschraubgehäuse einen passenden Graufilter einbauen. Okularsonnenfilter durch Filterfolie vor dem Tubus ersetzen.

Überraschung!
Nach Abschluss aller vorgenannten Arbeiten wurde das Teleskop wieder mit dem Sternhimmel konfrontiert. Und siehe da, es lieferte doch brauchbare Bildqualität. Selbst mit dem 6,5mm Okular blieb der Jupiter scharf und die Monde waren feine, winzige Punkte. Auf Grund des großen Fangspiegels, der breiten Streben so wie des in den Strahlengang hinein ragenden Okularauszugs ist die Kontrastleistung an Planeten jedoch eher bescheiden. Ein Astigmatismus kann weitgehend ausgeschlossen werden. Epsilon Lyrae wurde deutlich getrennt, Venus und Merkur konnten am Taghimmel dank der Teilkreise problemlos aufgefunden werden. M20 bot, obwohl tiefstehend, einen beeindruckenden Anblick, M13 wird am Rand deutlich in Einzelsterne aufgelöst und M 27 faszinierte in einem 15mm TS-WA. Bei Sonnenbeobachtung mit der Baader -Folie sind bei gutem Seeing die Granulation, Fackeln und jede Menge Details in Flecken und Penumbren zu sehen. Die beiden Plössl-Okulare sind außen sogar leicht blau vergütet und von unerwarteter Qualität, nicht der Plastikschrott, der sonst in dieser Preisklasse verkauft wird. Fazit: Viel Fernrohr für absolut wenig Geld. Da die Qualitätskontrolle jedoch auf den Kunden fällt, werden viele das potenzielle Leistungsvermögen des Instruments leider nur zu 30% oder max. 50% ausschöpfen, insofern im Auslieferungszustand überhaupt eine scharfe Abbildung möglich ist.
Unten: Strahlengang am Fangspiegel berechnet mit Newtwin.