DIE LANGE NACHT DER STERNE
Augen auf zum Durchblick

An diesem Wochenende präsentieren 165 Planetarien, Museen und Institute Highlights zu Astronomie und Raumfahrt. Das ist Nachhilfe in einem Fach, das Schulen oft vernachlässigen.

Viel Platz für wahre Traumreisen zwischen Himmel und Erde. Foto: Creative Concept

Buchtipp: Das aufklappbare All

Autor: ECKART KLAUS ROLOFF

"Für mich ist die Astronomie die Königin unter den Wissenschaften.“ Der, der das sagt, hat noch zwei Jahre bis zum Abitur, aber sein Urteil sitzt fest; schließlich sei die Astronomie das Fach, das fundamentale Fragen mit starken Folgen für unser Leben lösen könne. Vielleicht weiß der Junge gar nicht, wie nah seine These an den Idealen der Antike und des Mittelalters ist, als Astronomie neben Mathematik und Rhetorik tatsächlich auf die Throne der Wissenschaften gesetzt wurde.

Doch wenn er sagen soll, was er heutzutage darüber in der Schule erfährt, antwortet er: „wenig bis gar nichts“. An seinem Gymnasium werden zwar öfter freiwillige Astronomiekurse angeboten, doch die kommen wegen geringen Interesses nur selten zustande – und man hat genug in den Pflichtfächern zu tun. „Ich bin darüber enttäuscht, da ein bisschen Science Fiction die meist trockenen Physikstunden sicher attraktiver machen würde.“ Science Fiction, kein Zweifel, ist gefragt; da gibt es Kenner von zehn Jahren aufwärts.

Enterprise im Examen

Um Oberschüler für Physik und Astrophysik zu interessieren, holt sich zum Beispiel die Mainzer Uni an Samstagvormittagen den Nachwuchs in die Hörsäle, für gefragte Spezialvorlesungen mit Reisen durch Zeit und Raum. Da werden Themen wie die Lichtgeschwindigkeit und der Warp-Antrieb vermittelt, mit dem das Raumschiff Enterprise offenbar durchs All jagt – in Wirklichkeit unmöglich. Das ist nur ein Beispiel für richtiges Vermitteln und Motivieren gegen den aktuellen Tadel der OECD: Deren Fachleute sagen, dass deutsche Schulen zu wenig tun, um den Nachwuchs schon früh anzusprechen.

Unter den meisten Erwachsenen haben Astronomie und Raumfahrt kaum noch Konjunktur. Nachrichten dazu bekommen nur dann die Chance auf ein paar Sekunden Gehör, sofern Marsexpeditionen scheitern oder glücken, sofern eine Esa-Sonde startet, die volle zehn Jahre braucht, um einen Kometen zu erreichen, und wenn das Unternehmen „Cassini“ am Saturn dem achten Ring auf der Spur ist. Oder wenn, wie am Mittwoch vergangener Woche, das Millionenprojekt „Genesis“ in den Wüstensand von Utah gesetzt wird. Dann will man aber auch sofort wissen, ob die so teuer gesammelten Sonnenpartikel zu retten sind und woraus sie bestehen. Doch das wird noch lange dauern.

Viel weiter reicht das allgemeine Interesse nicht. Vielleicht sind die rätselvollen Schwarzen Löcher noch attraktiv genug (siehe RM Nr. 36/2004). Besser geht es nur der Metapher, was denn hier auf Erden alles astronomisch ist. Sie lebt.

Laien dringend gesucht

Nun wird etwas gegen die Missachtung getan. Auf die Tagesordnung kommt zum ersten Mal eine „Lange Nacht der Sterne“ als allumfassende Aktion, die sich, ihrem Titel gerecht, die Zeitschrift „Stern“ ausgedacht hat, zusammen mit den sternestolzen Autobauern von Mercedes-Benz. Am Samstag, dem 18. September, öffnen 165 Sternwarten und Planetarien (auch von Schulen), Museen, Fachinstitute und -verbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz ihre Tore. Eingeladen sind alle: wissbegierige Schülerinnen und Schüler mit ihren nicht immer ganz kundigen Lehrern, ambitionierte Amateurastronomen und – auf sie käme es besonders an – die viel zitierten Laien. Die meisten stehen den Fernsehern fern, sind aber doch ganz glücklich, wenn ihnen zu fliegenden Sternschnuppen noch rasch genug ein Wunsch einfällt.

Jetzt wird es ihnen leicht gemacht, sich vom Blick in den Kosmos faszinieren zu lassen. Zu den Offerten dieser Nacht gehören von Falera in Graubünden über Wien bis nach Glückburg in Schleswig-Holstein Planetariumsshows und sternenkundliche Nachtwanderungen, Lesungen mit himmlischen Stoffen und Chill-out-Partys unterm Firmament. Was wissen Astronomen, worauf zielen sie – ans Licht kommen auch Fragen, die über das Fach hinaus die Philosophie, die Evolution, die Kunst und die Religionen berühren. Solche grenzüberschreitenden Themen werden zudem vom 14. bis 16. Oktober bei der Tagung „Mensch und Kosmos“ im Bergbaumuseum Schloss Theuern bei Amberg in der Oberpfalz erörtert; mehr unter Telefon 0241/809 67 91.

„Diese Nacht vom 18. auf den 19. September will das Interesse an der Astronomie aufgreifen und die Weltraumforschung neu erlebbar machen“, sagt Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, die Schirmfrau der Aktion. Sie hat aber weniger schwärmerische als handfeste Ambitionen: „Wir wollen damit auch das Interesse an den Natur- und Ingenieurwissenschaften verstärken; sie sind ein wichtiger Pfeiler für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.“ Dabei weiß sie schon heute von der Raumfahrt: „Darin sind deutsche Forscherinnen und Forscher Spitze.“

Das bestätigt auch Ernst Messerschmid, der deutsche Ex-Astronaut, der als Professor für Raumfahrtsysteme an der Universität Stuttgart lehrte und das Astronautenzentrum der Esa in Köln-Porz leitet, das an der langen Nacht mitwirkt. „Reisen Sie mit den Astronauten der Esa in den Weltraum“, so der Appell Ulf Merbolds, der wie Messerschmid im All unterwegs war. Dazu wird es in der Kölnarena einen starken Abend mit einer Lasershow, noch nie gesehenen Filmen auf einer Riesenleinwand und Schaltungen zur ISS-Besatzung geben, die zurzeit gegen etliche Probleme kämpft. Lift-off ist dabei jedoch schon am 17. September um 20 Uhr.

Am 18. und 19. September ist am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln-Porz der „Tag der Raumfahrt“. Gezeigt werden Forschungen und Parabelflüge in Schwerelosigkeit sowie neue Techniken als Impulse für morgen, etwa Europas größte Windmaschine. An beiden Tagen gibt es mit der Maus-Show und der Käpt’n-Blaubär-Show Extras für Kinder. Die Programme sind selbst in kleinen Orten so vielfältig, dass Andeutungen genügen müssen; mehr dazu im Internet.

Wer im Rhein-Main-Gebiet wohnt, sollte ein Darmstädter Angebot nutzen. Dort lädt das Esoc-Satellitenkontrollzentrum zu Präsentationen ein und freut sich über eine gute Nachricht: Bildungsministerin Bulmahn hat jetzt die Erweiterung des Zentrums zugesagt. Für Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain eine Chance, „mit vielen Unternehmen in dieser Region zu kooperieren“. Unverkennbar ist dennoch, dass die Branche Probleme hat. Missglückte Starts, Geldmangel und geringe Akzeptanz machen Sorgen, obwohl Satelliten für die globale Aufklärung unentbehrlich geworden sind.

Ohne sie gäbe es keine modernen Geonavigationssysteme und keine Fernsehübertragungen, weder verbesserte Wetterprognosen noch ambitionierte Klimaforschung. Doch in Zeiten, in denen selbst Bewohner von Altenheimen, Obdach- und Arbeitslose immer weniger Geld bekommen, ist es noch heikler, Millionensummen für hochfliegende Projekte zu rechtfertigen – ein Abwägen darüber wäre auch ein guter Schulstoff.

Gleichwohl wird am 16. Oktober auf dem Mount Graham in Arizona (USA) das wegen seiner Eingriffe in die Natur umstrittene Large Binocular Telescope präsentiert, das größte Einzelteleskop der Erde, zu dem Deutschland rund 24 Millionen Euro gab. Dafür erhalten fünf deutsche Institute ein Fünftel der Nutzungszeit.

Auch das Planetarium Mannheim hat sich viel ausgedacht. Es ist erfahren in Kinderexpeditionen zur Milchstraße und Klassenausflügen ins Jahr 3001. „Astronomie auf Klassenfahrten“ heißt ein reales Buch von Dieter Vornholz für den Verlag Westermann. Vornholz ist Leiter des Bremer Olbers-Planetariums, an dem auch Schüler tätig sind. Er nennt eine Fülle an Tipps, wie man im Unterricht und unterwegs für Sonne, Mond und Sterne begeistern kann. Er sagt auch, welche audiovisuellen Hilfen es dafür gibt, wo sich Sternwarten und Planetarien finden, Sonnenuhren und astronomische Uhren, Planetenwanderwege, Lehrpfade, Museen und Gedenkstätten.

Die Kollektionen sind so zahlreich, dass eine Ausrede nicht zieht: Leider gibt’s bei uns in der Nähe nichts zum Thema. Auch in Hochdahl bei Düsseldorf, auf der Neanderhöhe, ganz nah an der berühmten Fundstelle von Neandertalern, bietet die Sternwarte ein astronomisches Programm.

Pflichtfach für die DDR

Manche Orte und Schulen sind aus lokalen Gründen bevorzugt. Ingolstadt gehört dazu. In der alten Universitätsstadt – viel früher aktiv als München – zählte Astronomie zu den Spitzenfächern. Hier lehrten Stars wie Johannes Stabius, Peter Apian und Christoph Scheiner. Nach Scheiner ist auch ein Gymnasium benannt, das Astronomie bis heute pflegt.

„Doch in den Lehrplänen fast aller Bundesländer ist das Fach auf dem Rückzug“, bedauert Kurt Hopf, Experte für Astronomie in der Schule und bis 2003 Leiter einer Sternwarte in Hof, der schon x-mal vielen staunenden Sechsjährigen von Sternen erzählte. Er erinnert daran, dass Astronomie in der DDR Pflichtfach war. Die Schulen mussten sogar ein Teleskop haben. Meist war es der von Zeiss Jena dafür entwickelte Telementor.

Die Studentin Christina Kehl, beim Mauerfall acht Jahre alt, weiß davon nichts mehr. „Man konnte an unserer Schule in Thüringen aber in der 10. Klasse fakultativ Astronomie lernen, was viele machten.“ Ein Grund lag aber wohl darin, „dass es angeblich leicht war, in diesem Fach gute Noten zu kriegen“.

Schon davor aber habe es Ausflüge zum populären Planetarium nach Jena gegeben, das älteste der Welt. Im Unterricht wurde oft mit Sternkarten gearbeitet. Christina findet die Welt der Sterne und Planeten bis heute spannend, aber schwierig – „vieles überfordert meinen Verstand, meine Vorstellungskraft“. Darin liegt wohl eines der Kernprobleme dieser Disziplin, die durchaus anschaulich gemacht werden könnte, auch ohne Science Fiction, wie das der anfangs zitierte Gymnasiast meinte.

Er heißt übrigens Silvan Lindner und hat beim Rheinischen Merkur gerade ein Praktikum absolviert. Und dort mit gutem Durchblick eine Besprechung über einen himmlischen Atlas geschrieben.

Sehr empfehlenswert ist Volker Witts weltweit orientiertes Buch „Astronomische Reiseziele für unterwegs", soeben erschienen bei Elsevier/Spektrum, München und Heidelberg. 334 Seiten, 30 EUR.

Externe Links: www.lange-nacht-der-sterne.info, www.koelnarena.de, www.esa.de, www.tagderraumfahrt.de,

www.astronomie.de/fachbereiche/schule, www.kurt-hopf.de, planetarium.hs-bremen.de,